Den Weg zu seiner ersten Vorlesung musste sich Peter Schneider vorbei an Kameras und Mikrofonen bahnen. TV-Sender und Zeitungen aus dem In- und Ausland hatten im August 2006 ihre Reporter nach Bad Meinberg im Teutoburger Wald geschickt, um live über die Eröffnung einer außergewöhnlichen Bildungsstätte zu berichten: das Europäische Zentrum für universitäre Studien der Senioren Ostwestfalen-Lippe, kurz EZUS, die erste „Senioren-Uni“ Deutschlands. Studentensprecher Peter Schneider ist 71, sein ältester Kommilitone über 80, die jüngsten sind um die 50 Jahre alt. Gemeinsam brüten die rund 30 Seniorstudenten über wissenschaftlichen Fragestellungen, angefangen von Kunst und Architektur über Geschichte, Religion und Philosophie bis hin zu moderner Energiepolitik. „Einmal Gelerntes hat nicht ewig Bestand. Wenn man mitreden möchte, muss man sich auch im fortgeschrittenen Alter weiterbilden“, sagt der pensionierte Justizoberamtsrat aus Bad Driburg.

Unterrichtet werden Schneider und seine Kommilitonen von hochkarätigen Dozenten, darunter Wirtschaftshistoriker Professor Werner Abelshauser: „Ich möchte Gehirne entstauben und festgefahrene Urteile in den Köpfen in Frage stellen“, sagt der Leiter des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Bielefeld. Als EZUS-Dozent kratzt Abelshauser deshalb nicht nur am deutschen Wirtschaftswunder-Mythos, sondern auch an der verbreiteten Vorstellung, universitäre Bildung sei nur etwas für 20-Jährige: „Angesichts der demografischen Entwicklung sind wir zunehmend auf die Erfahrung und das Engagement der älteren Bevölkerung angewiesen“, mahnt der Professor. Laut dem Statistischen Bundesamt wird der Anteil der über 65-Jährigen in den kommenden 20 Jahren von heute rund 20 auf knapp 30 Prozent ansteigen.

Auf 100 Deutsche im Alter von 20 bis 64 Jahren kommen dann 54 ab 65 Jahre – heute sind es erst 33. Auch innerhalb der Erwerbsbevölkerung gibt es eine deutliche Altersverschiebung: Die Altersgruppe 45plus wächst, während die Zahl der 20- bis 44-Jährigen schrumpft. Viele Betriebe sind also dringend auf gut qualifizierte ältere Fachkräfte angewiesen. Und auch wichtige Ehrenämter, beispielsweise in Kommunalpolitik oder Sozialwesen, werden künftig noch öfter als bisher von Älteren wahrgenommen.

Kein Wunder, dass die Bundesregierung das lebenslange Lernen propagiert und sogar finanziell fördert. Instrumente wie Bildungsprämie oder Aufstiegsstipendium (siehe Kasten auf Seite 91) sollen gerade auch Berufserfahrene zur Weiterbildung motivieren. Wer sich fachlich fit hält, wird seltener arbeitslos und bleibt länger im Job, so das Kalkül. Das freut Vater Staat, der Steuern und Sozialversicherung kassiert, statt Rente oder Arbeitslosengeld zu zahlen. Aber die Weiterbildung bringt auch persönliche Vorteile wie berufliche Sicherheit und Zufriedenheit.

Marketingexperte Patrik Holtz hat erlebt, wie positiv sich Lernbereitschaft auf die Karriere auswirken kann. Den berufsbegleitenden Lehrgang zum Direktmarketing-Fachwirt an der Dialog Akademie DDA, einer privaten Weiterbildungseinrichtung mit Sitz in Haan, schloss er im Mai 2006 als Jahrgangsbester am Standort Hamburg ab: „Plötzlich haben mich die Headhunter angerufen“, sagt der 39-Jährige, der bei seinem letzten Arbeitgeber kaum noch Aufstiegschancen sah.

Dank dem Zertifikat der DDA konnte er zwischen mehreren Jobangeboten wählen. Heute leitet er das Direktmarketing einer Computerzeitschrift und hat schon die nächste Fortbildung zum Online-Marketing-Manager absolviert. „Ich arbeite in einem sehr innovativen technischen Bereich und muss nicht nur verstehen, worüber heute geredet wird, sondern auch sehen, was morgen kommt“, sagt er.

Der Markt für Weiterbildung ist breit gefächert, das Spektrum reicht vom Tages- oder Wochenendseminar über Fernlehrgänge und berufsbegleitende Kurse bis zum Hochschulstudium. Um geeignete Angebote zu finden (siehe auch Kasten auf Seite 88/89), müssen Sie zunächst Ihren persönlichen Bedarf klären: Benötigen Sie Wissen für Ihren aktuellen Job, zum Beispiel weil sich Betriebsabläufe ändern oder neue Märkte angezapft werden sollen? Oder wollen Sie den nächsten Karriereschritt vorbereiten und sich zum Beispiel wichtige Führungsqualitäten aneignen? Planen Sie wie Patrik Holtz einen Jobwechsel, können Sie mit berufs- oder branchenspezifischen Zertifikaten (SAP-Experte, Sparkassenbetriebswirt) Ihren Marktwert erhöhen. Oder sind Ihre Weiterbildungswünsche eher privater Natur, beispielsweise ein Rhetorik-Kurs für sicheres Auftreten oder ein Seminar zur Work-Life-Balance? Vom Lernstoff hängt ab, wie und wo Sie sich weiterbilden: Präsentationstechniken üben Sie beispielsweise besser in der Gruppe, Sprachen oder Software-Schulungen eignen sich auch für Fernkurse oder E-Learning am PC.

Für Weiterbildungs-Einsteiger lohnt in jedem Fall zuerst ein Blick in das Kursverzeichnis der Volkshochschulen. Rund 960 gibt es in Deutschland und etwa 280 in Österreich. Allein in Deutschland besuchen knapp neun Millionen Menschen jährlich einen VHS-Kurs, beispielsweise PC- oder Sprachkurse, Rhetorikseminare oder Angebote zur beruflichen Neuorientierung. Über VHS-Kurse können sogar Schulabschlüsse bis hin zum Abitur oder Abschlüsse der Industrie- und Handelskammern erworben werden.

Wer dagegen eine umfassende wissenschaftliche Ausbildung anstrebt, hat die Wahl zwischen berufsbegleitenden Fernstudiengängen oder dem Präsenzstudium an einer Universität oder Fachhochschule. Einen Überblick über Fernstudiengänge können Sie sich in der Online-Datenbank der Staatlichen Zentralstelle für Fernunterricht ZfU in Köln unter www.zfu.de verschaffen. Wer sich für ein Fernstudium entscheidet, braucht seinen Job nicht aufzugeben und hat keine finanziellen Sorgen. Allerdings benötigen Sie auch eine gehörige Portion Selbstdisziplin und müssen bereit sein, Abende und Wochenenden fürs Lernen zu opfern.

Um ihren Horizont zu erweitern und auf neue Ideen zu kommen, hat Claudia Nickel sich lieber für das klassische Studentenleben entschieden. Die zweifache Mutter aus Wetzlar studiert seit einem Jahr an der Universität Gießen Russisch, Portugiesisch und Betriebswirtschaftslehre. „Mein Chef ist aus allen Wolken gefallen“, sagt die 46-Jährige, die zuvor kaufmännische Leiterin bei einem mittelständischen Unternehmen war: „Ich habe gut verdient und mich in der Firma wohlgefühlt, trotzdem wuchs mit den Jahren der Wunsch, noch einmal etwas Neues auszuprobieren“, erzählt Nickel.

Ihr Studium finanziert sie mit einem Aufstiegsstipendium des Bundesministeriums für Bildung und Forschung – eines der wenigen Förderprogramme ohne Altersbeschränkung. Mit ihrer Fächerkombination Russisch, Portugiesisch und BWL und der langjährigen Berufs- und Führungserfahrung dürften Claudia Nickel nach dem Abschluss in zwei Jahren viele Türen offenstehen. Gerade hat sie sich ein Praktikum bei einer deutschen Zeitung in Moskau organisiert: „Eine ungewöhnliche Biografie macht viele Arbeitgeber neugierig“, sagt sie.

„Mit 65 wird man in Deutschland alt gemacht“, klagt der ehemalige Bezirksrevisor Peter Schneider. Mit dem Ausscheiden aus dem Job verliere man in der Regel auch sein berufliches Netzwerk und seinen sozialen Status. Das Seniorenstudium sichert ihm dagegen Respekt und Interesse – auch bei seiner zehn Jahre jüngeren, noch berufstätigen Ehefrau. Dafür investierte Schneider 400 Euro Studiengebühren pro Trimester, also 2400 Euro für das zweijährige Studium generale.

Wenn Sie keinen offiziellen Abschluss anstreben, empfiehlt sich alternativ das Seniorenstudium. Rund 60 Hochschulen in Deutschland, acht in Österreich und zehn in der Schweiz bieten solche speziellen Studienmöglichkeiten für Senioren an. Die Kosten reichen von rund 100 bis 300 Euro pro Semester, Abitur ist in der Regel nicht erforderlich. Erkundigen Sie sich am besten bei der Studienberatung der nächsten Universität oder unter www.senioren-studium.de.

Wenn Sie noch im Berufsleben stehen oder sich ehrenamtlich für eine größere Institution engagieren, können Sie eventuell Ihren Arbeitgeber an den Kosten für eine berufsbezogene Weiterbildung beteiligen. Am EZUS sind beispielsweise zwei Kurse in Vorbereitung, die von Unternehmen bezuschusst werden. Voraussichtlich ab Herbst 2010 werden in Gütersloh Ehrenamtliche auf Führungsaufgaben vorbereitet. In Bielefeld können Firmen ältere Mitarbeiter dann zu internen Beratern ausbilden lassen.

Berufliche Weiterbildung ist zwar in jedem Alter sinnvoll, doch leider sinkt mit den Jahren die Bereitschaft vieler Chefs, in die Entwicklung ihrer Mitarbeiter zu investieren. Auch ist in kleinen und mittleren Betrieben das Weiterbildungsbudget oft sehr knapp bemessen. Wenn Sie bereits über 45 Jahre alt sind und in einem Unternehmen mit weniger als 250 Beschäftigten arbeiten, haben Sie deshalb unter Umständen Anspruch auf öffentliche Fördergelder. Außerdem können Sie das Finanzamt an Ihren beruflich bedingten Weiterbildungskosten beteiligen. Übersteigen Kursgebühren, Unterrichtsmaterial und Reisekosten zusammen mit Ihren übrigen Werbungskosten den Arbeitnehmer-Pauschbetrag von 920 Euro, lohnt es sich, Quittungen zu sammeln.

Peter Schneider startet bald ins fünfte Studienjahr. Die Studiengebühren zahlt er zwar weiter aus eigener Tasche, und auch Weiterbildungskosten für Rentner kennt der deutsche Fiskus bisher nicht, aber immerhin: Diesmal waren zum Studienbeginn keine Kameras anwesend. Dass sich auch ältere Menschen noch aktiv weiterbilden, ist glücklicherweise keine Sensation mehr.

 

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3 Kommentare

Dieter Grigull on 01 September 2010 ,17:56

Dieser Artikel hat mir gut gefallen und ich kann nur bestätigen, daß es sich in jedem Alter lohnt, auch wenn es nur für sich selbst ist, sich mit geistigen Inhalten zu beschäftigen. Insofern kann ich nach fast fünf Jahren Abendschulen und dem mir dadurch eröffneten Weiterkommen aus eigenem Erleben dies berichten.

Werner Nüsseler on 31 August 2010 ,17:44

Hallo, eine weitere außergewöhnlichen Bildungsstätte haben wir hier in Darmstadt: die Akademie 55plus Darmstadt eV., die unter www.aka55plus.de zu finden ist. Nur für Menschen in der 3. Lebensphase; lernen mit Gleichaltrigen; lernen in entspannter Atmosphäre; ohne Prüfungsstress; in angepasstem Lerntempo; mit viel Spß und Kommunikation. In 4 Jahren von 11 auf 900 Mitglieder angewachsen.

s.rumsch on 31 August 2010 ,14:42

Das hört sich alles sehr gut an, doch bis so etwas in der Schweiz aktiviert wird, vergehen sicher noch Jahrzehnte. Doch ich würde mich wundern, wenn "Herr Schweizer" früher zu so etwas fähig wäre. So eine Sache wäre wünschenswert, vielleicht sogar sehr erwünscht. Nötig wäre so eine Instution sicher, denn man ist nie zu alt, um zu lernen.

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